Bewährtes nutzen statt neu erfinden

Make or Buy? Viele Unternehmen wählen die Eigenentwicklung, weil sie sich für einen Sonderfall halten - eine Annahme, die oft teuer endet.

„Für unsere Prozesse gibt es keine passende Lösung da draußen."

Diese Überzeugung hören wir oft in Beratungsgesprächen. Unternehmen sind überzeugt davon, einen Sonderfall darzustellen, und ziehen deshalb eine Eigenentwicklung in Betracht.

Die Erfahrung zeigt allerdings: In etwa 70 Prozent der Fälle stellt sich bei genauer Analyse heraus, dass die Prozesse weniger einzigartig sind als zunächst angenommen.

Wenn Vertrautheit wie Einzigartigkeit wirkt

Wer jahrelang in denselben Abläufen arbeitet, entwickelt eine besondere Nähe zu ihnen. Prozesse fühlen sich einzigartig an, weil sie vertraut sind, nicht unbedingt, weil sie es objektiv sind.

Das eigentliche Risiko liegt woanders: in fehlenden Vorab-Analysen. Entscheidungen werden auf Basis von Einschätzungen getroffen, nicht auf Basis von strukturiertem Research und Marktvergleichen.

Diese Lücke kann teuer werden.

Was in Kalkulationen fehlt

Eigenentwicklungen werden oft mit zu optimistischen Annahmen kalkuliert. Faktoren, die in der Planung fehlen, tauchen später als Überraschung auf.

Dazu gehören: die tatsächliche Detailtiefe, Schnittstellen zu Systemen, die noch nicht existieren, der reale Aufwand für hunderttausende Zeilen Code und die Zeit, die es braucht, bis Software wirklich stabil läuft.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 70% aller Software-Projekte überschreiten ihr Budget, durchschnittlich um 27%. 53% der Projekte kosten am Ende fast das Doppelte der ursprünglichen Schätzung.

Das Risiko im Bereich Kosten und Zeit wird häufig unterschätzt.

Der Vorteil etablierter Technologien

Bewährte Systeme bringen einen entscheidenden Vorteil mit: Sie wurden bereits von Millionen Nutzern getestet. Fehler wurden gefunden, behoben, dokumentiert.

Diese kollektive Qualitätssicherung kann ein einzelnes Unternehmen, unabhängig von der Größe, nicht leisten. Wenn ein System bereits für Millionen entwickelt wurde und durch gezielte Anpassungen den eigenen Anforderungen entspricht, ist das in den meisten Fällen der wirtschaftlichere Weg.

Die Rechnung ist nachvollziehbar, sie muss nur gemacht werden.

Der hybride Ansatz in der Praxis

Ein Beispiel aus der Praxis: Für die Autohelden wurde ein bestehendes ERP-System (Odoo) als Basis genutzt, angepasst und gezielt individualisiert.

Der Grund: Die Entwicklung eines vollständig eigenen ERP-Systems ist ein Projekt über mehrere Jahre.

In dieser Zeit ist der Wettbewerb längst am Markt. Die Anforderungen ändern sich mehrfach. Standard-ERP-Lösungen benötigen 6 bis 12 Monate bis zur Einführung, vollständige Custom-Entwicklungen 12 bis 18 Monate, und das ist eine optimistische Schätzung.

Märkte entwickeln sich weiter. Geschäftsmodelle auch. Was heute als Anforderung definiert wird, kann in zwei Jahren bereits überholt sein.

Wann Eigenentwicklung tatsächlich sinnvoll ist

Natürlich gibt es Fälle, in denen eine Eigenentwicklung gerechtfertigt ist. Etwa 30 Prozent der Unternehmen stellen tatsächlich einen Sonderfall dar.

Die Entscheidung lässt sich nicht pauschal treffen. Sie erfordert eine tiefe Faktenprüfung, strukturierten Research und eine ehrliche Abwägung von Budget und Nutzen.

Selbst in Sonderfällen gilt: Eine bewährte Lösung mit 80 Prozent Passgenauigkeit ist oft wirtschaftlicher und schneller einsatzbereit als eine maßgeschneiderte Lösung mit theoretisch 100 Prozent Abdeckung.

Die Perspektive von außen

Eine zentrale Empfehlung: Holen Sie sich eine externe Perspektive ein. Jemanden, der nicht im operativen Alltag steckt und die Situation neutral bewerten kann.

Betriebsblindheit ist ein reales Risiko und oft teurer als jede Fehlentscheidung bei der Technologiewahl selbst.

Die Überzeugung, einzigartig zu sein, kann kostspielig werden. In vielen Fällen ist die Realität pragmatischer und die Lösung näher, als gedacht.

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Sind wir besonders?" Sondern: „Was brauchen wir wirklich, und wie kommen wir am effizientesten dorthin?"

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